Wenn Gefahren unterschätzt werden…

650 Experten von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz tagen in Ulm

Unter dem Motto „Klima, Gesellschaft, Technik – Alles im Wandel?“ hat am 27.5.2019 in der Ulmer Donauhalle die 66. Jahresfachtagung der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) begonnen. An der dreitägigen Veranstaltung nehmen rund 650 Experten von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz sowie von wissenschaftlichen Einrichtungen, Ingenieurbüros, Industrie und Behörden teil. Ziel des Kongresses ist es, den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik und der Gefahrenabwehr zu vermitteln sowie ein lebhaftes Netzwerk zwischen Forschung und Entwicklung, Herstellern und Anwendern auf- und auszubauen.

vfdb-Präsident Dirk Aschenbrenner ging während seiner Eröffnungsrede auf die Fragestellung der Tagung ein und wies zudem auf den hohen Stellenwert der Magirus-Stadt Ulm für die Entwicklung des Feuerwehrwesens hin. Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch hob die Bedeutung der Stadt als Innovationsstandort mit zugleich starkem Traditionsbewusstsein hervor: „Es ehrt uns, dass wir drei Tage ‚Blaulichthauptstadt’ sein dürfen.“ Wilfried Klenk, Staatssekretär im württembergischen Innenministerium, bezeichnete die Veranstaltung als eine der bedeutendsten Tagungen der Branche. Den Festvortrag hielt der frühere Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner. Er sprach zum Thema „Donau – Hauptstraße Europas; 2857 Kilometer durch zehn Länder“.

Während der Eröffnungsfeier übergab vfdb-Präsident Dirk Aschenbrenner der Firma Eurocommand GmbH für die Software COMMAND-X das Nutzungsrecht an der vfdb Marke „Safety made in Germany“. „Safety made in Germany“ bescheinigt seit 2015 sowohl Produkten als auch Dienstleistungen eine nachweislich exzellente Qualität bei der Anwendung im Brand-, Arbeits-, Katastrophen- oder Zivilschutz. COMMAND-X wurde bei vielen Gefahren- und Großschadenslagen bereits erfolgreich eingesetzt, unter anderem bei dem Großbrand im Landkreis Emsland im September 2018. Die Software sei ein Beispiel dafür, welche Möglichkeiten erst durch die Digitalisierung in der Gefahrenabwehr entstanden sind, um die Komplexität der Aufgaben überschauen und beherrschen zu können, sagte Aschenbrenner.

Im Mittelpunkt des ersten Kongresstages die Problematik von Vegetationsbränden. Der Titel: „Unterschätzte Gefahren“. So berichtete der Kreisbrandmeister des Rhein-Sieg-Kreises, Dirk Engstenberg, über den Großbrand an der Bahntrasse in Siegburg. Dort waren im vergangenen Jahr während der Dürreperiode 32 Menschen verletzt und mehrere Häuser zerstört worden. An der ICE-Strecke hatte sich ein Böschungsbrand bei großer Hitze und Dürre rasend schnell ausgebreitet. Dem Vortrag von Dirk Engstenberg zufolge, hatten 48 Feuerwehreinheiten aus dem gesamten Kreisgebiet Hand in Hand gearbeitet, unterstützt von Polizei und anderen Helfern. Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es eine von den Freiwilligen Feuerwehren getragene nichtpolizeiliche Sicherheitsarchitektur, bei der Rettungsdienst, Technisches Hilfswerk sowie die Hilfsorganisationen solche großen Einsatzlagen bewältigen können. Das Miteinander und das gegenseitige Vertrauen untereinander seien wieder einmal der Garant des Einsatzerfolges gewesen, betonte der Kreisbrandmeister.

Von einem Brandeinsatz noch größeren Ausmaßes berichtete der Leiter des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz bei der Polizeidirektion Hannover, Brandrat Martin Voß. Dabei ging es um den Einsatz niedersächsischer Feuerwehrleute bei der Waldbrandkatastrophe in Schweden vor knapp einem Jahr. Trotz der fehlenden Erfahrung im Bereich von Einsätzen im Rahmen des EU-Gemeinschaftsverfahrens, hätten alle Akteure gut zusammengearbeitet, resümierte Martin Voß. Durch die eingesetzten Kräfte sei effektive Hilfe vor Ort geleistet worden. „Der Waldbrandeinsatz einer niedersächsischen Feuerwehreinheit in Schweden war vielleicht der erste Schritt für eine Ausrichtung der deutschen Feuerwehren auf Hilfseinsätze im europäischen Ausland“, so Voß weiter. „Dazu werden nun die gewonnenen Erfahrungen evaluiert und in den entsprechenden Arbeitsgruppen diskutiert. Erkenntnisse können dann in die Ausbildung der Helfer, die technische Ausstattung der Einheiten, der Versorgungskomponenten und die Führung solcher Einheiten einfließen.“

Große Beachtung fand auch ein Vortrag von Mathias Bialek von der Berufsfeuerwehr Brandenburg/Havel über die schweren Waldbrände in Brandenburg und die dort zusätzlichen Gefahren durch Reste von Weltkriegsmunition. Bialek wies darauf hin, dass das Bundesland mit seinen ausgedehnten Kiefernwäldern, leichten Sandböden und geringen jährlichen Niederschlägen unter allen deutschen Bundesländern die höchste Anzahl von Waldbränden aufweise. Die EU habe Brandenburg mit dem höchsten Waldbrandrisiko auf einem Niveau wie die Cote d´ Azur und Teile von Spanien, Portugal und Griechenland eingestuft. Als besonders problematisch stellte der Referent die Belastung des Landes durch Munition dar. „Ganz Brandenburg ist Munitionsverdachtsfläche“, sagte Mathias Bialek. Sein Resümee: „Die Brandbekämpfung auf munitionsbelasten Flächen, zum Beispiel bei Waldbränden, ist eine sehr große Herausforderung. Dieses Risiko ist unberechenbar und lebensbedrohlich für die eingesetzten Feuerwehrkräfte.“ Grundsätzlich müsse von einer Brandbekämpfung abseits munitionsberäumter und freigemeldeter Flächen abgeraten werden. Denkbar sei das Ausbilden von Schutzstreifen und Fahrtrassen um einen Waldbrand herum mit Hilfe von Bergepanzern. „Der innere Bereich würde dann kontrolliert brennen oder abbrennen. Die Feuerwehr würde sich außerhalb dieses Bereiches mit der Herstellung dieser Streifen befassen, ihn schützen und aus dem sicheren Bereich verteidigen“, sagte Bialek.

In den weiteren Vorträgen am ersten Kongresstag ging es unter anderem auch um „Terror – nicht nur ein Problem in Krisengebieten“ sowie um den Wandel in der Feuerwehrfahrzeugtechnik.

Quelle: vfdb

Ersten Kommentar schreiben

Antworten