40 Jahre nach Chornobyl – Aktuelle Situation vor Ort, Gefahren und Perspektiven

7.4.2026 – Der Unfall von Chornobyl ist jetzt 40 Jahre her. Hat das heute noch Relevanz?
Am 26.4.1986 kam es zum schwersten Unfall der zivilen Nutzung der Kernenergie. Es wur-
den ungefähr 15 % der Radioaktivität (5500 PBq) aus dem Reaktorkern in die Umwelt freige-
setzt. Es handelte sich zum größten Teil um kurzlebige Radioisotope wie Iod-131 (Halbwerts-
zeit 8 Tage), aber auch um solche wie Cäsium-137 und Strontium-90 (HWZ 30 Jahre) sowie
z.B. Plutonium-239 (HWZ 24.000 Jahre). Der bei weitem größte Teil ging in einem 30 km Ra-
dius um die Reaktorruine nieder. Diese Zone ist heute als Chornobyl Exclusion Zone (CEZ)
bekannt. Insgesamt wurden 1,3 Mio. km² Land in der Ukraine und angrenzenden Ländern
kontaminiert und in der direkten Folge 189.000 Hektar Ackerland und 157.000 Hektar Wald
allein in der Ukraine für die Bewirtschaftung gesperrt. Hunderte von Siedlungen mussten ab-
gerissen werden.
Aufgrund des Rückzugs des Menschen hat sich die Natur diese Gebiete zurückerobert. Im
Jahr 2016 wurde daher das Chornobyl Radiation and Ecological Biosphere Reserve gegrün-
det. Unter anderem das United Nations Environment Programme (UNEP) kollaboriert dort mit
dem ukrainischen Ministerium für Ökologie und natürliche Ressourcen. Viele internationale
Wissenschaftler arbeiteten dort an radioökologischen und biophysikalischen Fragestellungen
und natürlich auch zum (erstaunlich geringen) Einfluss der Strahlung auf Flora und Fauna.
Eine zentrale Rolle spielte hierbei das Ecocentre, das dort seit dem Jahr 2000 vom ukraini-
schen Staat betrieben wird, Expertise und messtechnische Laborausstattung zur Verfügung
stellte, aber durch russisches Militär weitgehend verwüstet wurde.
Seit mehr als 10 Jahren arbeitet die Ukraine durch Anwendung physikalischer und radioöko-
logischer Erkenntnisse an einer erneuten Nutzung der kontaminierten Flächen. Es werden in
der Nähe des Reaktors Lager für radioaktiven Abfälle aus der ganzen Ukraine (z.B. aus Ener-
giewirtschaft, Wissenschaft, Technik und Medizin) errichtet. Zusätzlich zu einem bestehen-
den Solarpark soll mit deutscher Unterstützung einer der größten Windparks Europas (1GW)
gebaut werden. Schließlich, und das ist Gegenstand aktueller biophysikalischer Forschung,
dekontaminiert man Flächen z.B. durch Anbau von Pflanzen, die Radioaktivität aus dem Bo-
den entfernen können (Phytoremediation). Diese Pflanzen werden zum Teil in speziellen An-
lagen als Energielieferant genutzt. Hierbei wird auf eine strikte Zurückhaltung von Radioakti-
vität geachtet. In großen Teilen der kontaminierten Gebiete ist die Strahlung durch radioakti-
ven Zerfall und durch Migration der Radionuklide z.B. in tiefere Bodenschichten stark zurück-
gegangen. Diese Flächen können mit ausgewählten Pflanzen und Methoden sogar landwirt-
schaftlich genutzt werden. Zum Zwecke der Wiederbesiedelung werden z.Zt. 927 ehemalige
Siedlungen untersucht und die zusätzliche radioaktive Belastung der Bevölkerung mittels
Ganzkörperzählern gemessen. Der menschliche Körper ist übrigens immer radioaktiv: ca.
130 Bq pro kg Körpergewicht hauptsächlich bedingt durch die natürlichen Isotope Kalium-40
und Kohlenstoff-14.
Zur Sicherung des havarierten Reaktors wurde 2026 für 2.1 Mrd. € als Schutzhülle das welt-
größte bewegliche Bauwerk (new safe containment) errichtet. Dieses hat durch russische
Drohnen schwere Schäden erlitten und kann maßgebliche Sicherheitsfunktionen nicht mehr
erfüllen. Bisher tritt aber keine Radioaktivität aus.
Bis heute gibt es Folgen des Unglücks auch in Deutschland, Stichwort radioaktive Kontamina-
tion von Pilzen und Wildschweinen. Häufig wird nun die Frage gestellt: kann aus der Ukraine
Radioaktivität bis nach Deutschland gelangen? Wenn ja bei welchen Szenarien? Zum einen
sorgen Waldbrände in den kontaminierten Gebieten dafür, dass Radioaktivität aufgewirbelt
und atmosphärisch transportiert werden kann. Dies geschah über die letzten Jahrzehnte re-
gelmäßig. Löscharbeiten werden aber nun durch Landminen der russischen Truppen er-
schwert, so dass mit diesem Austrag häufiger zu rechnen ist. Dies kann durch höchstemp-
findlichen physikalischen Nachweis von nur wenigen Atomen pro m3 Luft sogar in Deutsch-
land gemessen werden, führt aber bei uns keinesfalls zu gesundheitlichen Auswirkungen, da
es weit unter dem Niveau der natürlichen Radioaktivität liegt. Auch eine weitere Beschädigung
des havarierten Reaktors hätte ausschließlich lokale Auswirkungen in der Ukraine. Anders
sieht es bei im Betrieb befindlichen KKW aus. Die Ukraine verfügt über 15 Druckwasserreakto-
ren (russischer Bauart aber ähnlich westlichen Reaktoren) von denen sechs in Saporischschja
abgeschaltet sind. Die neun weiteren decken die Hälfte des landesweiten Stromverbrauchs.
Auch diese sind in jüngster Vergangenheit unter Beschuss geraten. Bei einer schweren Be-
schädigung könnte von diesen eine Kontamination über hunderte von Kilometern erfolgen.
Lage und über Zukunftsaussichten. Dabei werden auch entstandene und voraussichtlich wei-
ter entstehende Kosten in der nächsten Zeit angesprochen. Als Journalist:innen werden Sie
ausführlich Gelegenheit haben Ihre Fragen an unsere Experten zu richten.

Quelle: Dr. Norbert Zoubek, Fachverband für Strahlenschutz

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